Ruhig bleiben in homöopathischen Dosen

Seit etwas über einem halben Jahr bin ich nun Mama und ich bin sicher, der ein oder andere von euch kennt das: man wird überflutet mit Ratschlägen. Diese sind manchmal tatsächlich das, was sie sein sollen – lose Tipps, reine Information oder gut gemeinte Hintergrundinformation. Leider sind diese sogenannten Ratschläge sehr oft aber eher aufdringliche Mahnungen, die einen schon fast mit dem unwiderruflichen Verderben erpressen… Oft sogar von Leuten, DIE MAN GAR NICHT KENNT! O_O

So legt mir doch ne wildfremde Frau im Supermarkt ungefragt die Hand auf dem Bauch und erzählt mir was von Stillen. Ja bin ich hier im Streichelzoo?
Oder eine Frau auf dem Marktplatz macht mich von der Seite an, weil ich ein Tuch über den Sonnenschutz vom Kinderwagen gelegt hab. Im übrigen nicht über den ganzen Kinderwagen, sondern nur, weil das Dach aus dunklem Stoff ist und sich durch das helle Stofftuch drüber bei der Hitze nicht so stark aufwärmt.

Eines der Themen, die mir immer wieder von den verschiedensten Stellen um die Ohren gehauen werden, ist jedoch die Homöopathie. Genauer gesagt, die oft so hochgelobten und als einzige Wahl gepriesenen Globuli.

Ich bekomme mittlerweile schon Zuckungen, wenn ich dieses Wort nur höre. Da möchte man einen ernst gemeinten Rat und da kommen sie wieder alle mit ihren Zuckerkügelchen um die Ecke… grrr

  • Du bist schwanger oder stillst noch? Um Gottes Willen, nimm bloß keine Medikamente ein, das ist (dem O-Ton nach, tödlich) riskant! Nimm was homöopatisches, das ist ungefährlich!
  • Dein Baby hat Blähungen? Versuch Nux Vomina D6! Das hat bei uns super geholfen!
  • Dein Kind bekommt Zähne? Nimm Osanit Globuli! Das wird sogar kalt im Mund! Ich hab mal geistesabwesend selbst eins in den Mund gesteckt!
  • Oh, du hast eine Muskelentzündung im Ellenbogen und stillst noch? Nimm am besten Arnica D30 Globuli!

Bla bla bla

… tatsächlich?

Nun… ich habe von Globuli noch nie wirklich viel gehalten. Seit der Schwangerschaft und diesen unsäglichen aufdringlichen “Globulischlägen” habe ich mich mal etwas genauer damit befasst und ich bin mir sicherer denn je, dass ich die ganze Zeit zurecht skeptisch gewesen bin.


Fangen wir von vorne an.

Globuli haben nichts mit Naturheilkunde zu tun. Wirkstoffe aus der Natur zu verwenden ist durchaus gerechtfertigt. Zum Beispiel Arnika bei Hautverletzungen, Salbei bei Halsweh oder Baldrian zur Beruhigung. Wie gesagt.. Wirkstoffe

Professor

Wissenschaftliche Ergebnisse gelten nur dann als erwiesen oder anerkannt,  wenn die Experimente oder Tests sich wiederholen lassen und nochmals zu den gleichen Ergebnissen führen. Um sicherzugehen, dass keine Fehler unterlaufen sind.

Aber Globuli beruhen auf einen missgedeuteten Versuch von Samuel Hahnemann aus dem Jahre 1796 mit Chinin aus Chinarinde. Das ist ein natürliches und weit verbreitetes Gegenmittel gegen Malariasymptome, vor allem um das tückische Malariafieber zu senken.

Herr Hahnemann nahm diese in gesundem Zustand ein und interpretierte den einsetzenden hohen Puls, den er aufgrund der unnötigen Einnahme (oder einer Unverträglichkeit) der Chinarinde bekam, als Fieber. Die Temperatur hat er gar nicht gemessen. Er dachte also, dass Chinarinde bei akutem Fieber fiebersenkend wirkt, beim gesunden Menschen aber Fieber erzeugt.

Daraus ersann er die Theorie, dass “Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden möge” (similia similibus curentur)

Der Versucht, durch Chinarinde Fieber zu erzeugen, konnte jedoch nie erfolgreich wiederholt werden. Durch niemanden. Denn die Einnahme von Chinin erzeugt kein Fieber. Es senkt die Anzahl von roten, sauerstofftransportierenden Blutkörperchen, worauf der Körper mit erhöhtem Puls reagiert, um mehr Sauerstoff transportieren zu können…

Trotzdem haben die Globulibeführworter hier wohl einen blinden Fleck, was nicht sein darf, ist nicht.

Durch die Giftigkeit vieler Stoffe in der Homöopathie, z.B. Belladonna, praktizierte Hahnemann die Potenzierung. Das heißt, die Lösung mit den Wirkstoffen wird stark verdünnt. (Trotzdem kommt es immer noch durch zu niedrige oder falsche Potenzierung zu Todesfällen!)

Potenzierung geht so: Man nehme einen Liter des Wirkstoffes, gebe ihn in zehn Liter Wasser oder Alkohol, von dieser Mischung wird wieder ein Liter genommen und wieder in zehn Liter Wasser oder Alkohol aufgelöst. Man führe die entsprechend der Potenzierung fort (D12 = dieser Vorgang wird 12 mal wiederholt) Das endgültige Resultat wird dann in Zucker aufgelöst, aus dem dann die bekannten Zuckerkügelchen entstehen. Und hier sind nicht einmal mehr Moleküle des ursprünglichen Wirkstoffes nachweisbar.

Abwasser

Die Potenzierung D12 entspräche etwa EINEM Tropfen im 100.000-fachen Volumen des Atlantiks. Nähme ich also einen Schluck Meerwasser, hätte ich bereits das tausendfache von zig Wirkstoffen aus zig Medikamenten und natürlichen Substanzen zu mir genommen, welche in D12 potenzierten Globuli stecken würden.

Das heißt aber auch, dass die Globlikügelchen einfach untereinander beliebig austauschbar sind. Sie sind identisch, weil kein Wirkstoff mehr nachweisbar ist. Das ist einfach reiner Zucker.. und ein verdammt teurer dazu.

Ein Beispiel:

Arnica C 30 Globuli 10 g

Arnica C 30 Globuli 10 g
  • Menge: 10g
  • homöopathisches Arzneimittel
  • wirkt nach dem Ähnlichkeitsprinzip

Die Angabe D24 / C30 bedeutet, um Wikipedia zu zitieren:

  • Hier wäre weniger als ein Zuckerstückchen … in Milliarden von Galaxien.
  • C30 ist die von Hahnemann bevorzugte und für die Arzneimittelprüfungen empfohlene Potenz. Hochpotenzen von Belladonna haben bei homöopathischen Arzneimittelprüfungen keinen Unterschied zu Placebos ergeben. (Also wirkungslos)

Und rechnet man das hoch (Preis zum Zeitpunkt der Beitragserstellung auf Amazon) 13,40 € für 10g = 1.340,00 € für ein Kilo Zucker….! Da fliegt mir doch das Blech weg! Und da soll die Pharmaindustrie abzocken!? Da lach ich ja.

Der Witz ist ja auch, dass die Globulaner raten, je höher die Potenzierung (also je weniger Wirkstoff drin ist), umso weniger Globuli soll man einnehmen. Während bei Potenzierung bis D10 bis zu 6 mal am Tag je 5 Globuli genommen werden sollen, soll bei der Hochpotenzierung D30 nur eine Einmalgabe von 5 Globuli erfolgen. Also je weniger Wirkstoff, umso weniger soll man einnehmen… aha..

Wenn ich also gar keine nehme, ist das nach diesem Prinzip also sowieso das Beste…

Leider nimmt der Glaube an Globuli so überhand, dass Kinder, die auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen sind, darunter leiden. So soll ein Ohrenarzt bei einer akuten Mittelohrentzündung eines Kindes, dem bereits das Eiter aus dem Ohr lief, Globulikügelchen im Gehörgang gefunden haben… Na dann herzlichen Glückwunsch…

Hier sehe ich aber auch die Apotheken und die Ärzte in der Verantwortung. Um Himmels Willen, klärt die Leute doch korrekt auf und ruht euch nicht auf dem Wischi-Waschi-Ausschlusstext auf den Verpackungen aus, nur weil ihr Geld verdienen wollt:

XY Globuli ist ein registriertes homöopathisches Arzneimittel und daher ohne Angabe einer therapeutischen Indikation (Behandlungsmaßnahme). Nach den Grundsätzen der Homöopathie erfolgt jede Behandlung mit einem individuell auf den Patienten und sein jeweiliges Krankheitsbild abgestimmten Arzneimittel. Dabei können die verschiedenen Arzneimittel durchaus bei unterschiedlichen Erkrankungen eingesetzt werden. Laut gesetzlichen Bestimmungen dürfen deshalb bei diesen Mitteln keine allgemein gültigen „Anwendungsgebiete“ angegeben werden.

Im Klartext: Wenn wir nicht schreiben, wie und für was das Zuckerkügelchen angewendet werden soll, kann uns auch keiner was, wenns net hilft und der Patient kann sich selbst aussuchen, ob das Zeug hilft, oder auch nicht.

Ich habe also für mich und unseren Zwerg beschlossen, keine horrenden Preise für Zucker ohne Wirkstoff auszugeben. Da hilft auch kein “Probier es doch wenigstens mal!” Und weil da ein “Mal sehen.” ein “Nein” in homöopatischer Dosis ist: “NEIN! Weils nix bringt, verflixt nochmal!”

Fürsorge, Trösten, Kuscheln, wahlweise kalte Umschläge oder Wärmflasche, vielleicht ein bisschen Leckerschmecker zur Ablenkung und ich hab die gleichen Ergebnisse, wie mit Globuli. Und ich erziehe mein Kind nicht dazu, dass es für alles eine Pille gibt. Und wenn´s wirklich mal mehr braucht… dann gehen wir halt zum Doktor. Die Schulmedizin ist auch nicht das goldene Kalb, aber zumindest hat´s da Wirkstoffe, die nachgewiesen helfen, wenn´s drauf ankommt.

Habt ihr auch Erfahrungen mit ungewollten und hartnäckigen Ratschlägen gemacht? Schreibt´s mir in die Kommentare 🙂

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