Es war, wie jedes Jahr, enttäuschend. Zumindest für Deutschland. Zwar belegte das Duo “S!sters” nicht den letzten Platz, aber dennoch findet man die beiden fast ganz hinten in der Rangliste. Schlechter waren nur noch Zena aus Weißrussland und Michael Rice aus Großbritannien.

Besonders bitter: Während die Schwestern aus Deutschland von den Jurys der einzelnen Länder immerhin 32 Punkte bekamen, gingen sie beim Zuschauervoting als einzige komplett leer aus (0 Punkte).

Aber, wenn man ehrlich ist, war das abzusehen. Denn man merkt schon, dass sich in Deutschland nicht wirklich Mühe gegeben wird, einen Sieg zu erreichen. Das geht schon damit los, dass wir mit einem Song angetreten sind, der eigentlich für die Schweiz gedacht war, dort aber abgelehnt wurde. Und Schwestern sind die beiden Sängerinnen auch nicht: Bis vor 3 Monaten kannten sich Carlotta Truman und Laurita Spinelli noch gar nicht, denn das Duo wurde eiligst zusammengecastet.

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Während andere Länder die Superstars des Landes zum ESC schickt, kommt aus Deutschland nur die Ausschussware ins Starterfeld. Wer glaubt denn ernsthaft, dass wir damit eine Chance haben? Denn nur weil das mit Lena einmal geklappt hat, bedeutet das nicht, dass das nun immer wieder klappt. Als einer der Big Five ist Deutschland ja ohnehin fest für das Finale gesetzt. Das macht es natürlich schon auch auf eine Weise einfach, denn für die Halbfinals braucht man sich ja auch nicht anstrengen.

Wer es verpasst hat, findet die Punktevergabe in voller Länge bei Youtube. Die vollständige Liste gibt es auch auf eurovision.de. Gewonnen hat letztlich Duncan Laurence mit Arcade, wie es die Buchmacher bereits vor der Show schon vorhergesagt haben. ESC-Fans waren sich dabei so sicher, dass Hotels in Amsterdam zum Termin des ESC im nächsten Jahr bereits ausgebucht sind.

Ich hatte durchaus eigene Favoriten dieses Jahr, auf die ich im folgenden nun einzeln eingehen möchte:

Chingiz – Truth (Aserbaidschan)

Ein Song, an dem ich erst spät Gefallen gefunden habe. Besonders beeindruckt hat mich die Bühnenshow. Chingiz war umgeben von Roboter-Armen, wie man sie aus der Industriefertigung kennt. Die Bewegungen passten zur Performance und mittels Laserstrahlen projizierte einer der Arme ein Polygon-Herz auf die Brust des Sängers. Optisch durchaus beeindruckend und absoluter Nerd-Porn auf dem 7. Platz.


Bilal Hassani – Roi (Frankreich)

Der französische Sänger geht mit seiner Homosexualität offen um hat daher schon oft mit Anfeindungen zu kämpfen gehabt. Er trat mit einer Hymne für all jene auf, die von anderen gemobbt und verurteilt werden. Dabei unterstützte ihn eine füllige Ballerina, die das Publikum zutiefst beeindruckte, sobald sie zu tanzen begann. Sie legte Tanzfiguren hin, die man von einer Frau mit ihrer Statur nicht erwarten würde. Das verdient nicht nur großen Respekt, sondern ist auch absolut schön anzusehen. Diese Performance unterstreicht den Inhalt des Lieds wie keine zweite.

Leider landete diese Darbietung nur auf dem 14. Platz.


Keiino – Spirit in the Sky (Norwegen)

Ursprünglich mein absoluter Favorit, hat mich Keiino absolut enttäuscht. So toll ich den Song auch fand, war die Live-Performance leider nicht wirklich gut. Das lag vorrangig an Sänger Fred Buljo, der den Beitrag mit seinen nordsamischen Joik-Parts aufwerten sollte. Doch leider war er stimmlich nicht dazu in der Lage, die tiefen Töne zu erzeugen. Sein Gesang klingt live sehr gepresst. Unter Musikern nennt man das auch “knödeln”. In der Studio-Version des Songs kommt das nicht so sehr raus, denn da konnte man ja auch noch viel am Mischpult korrigieren.

Die Jury sah das wohl ähnlich, denn es gab hier nur 39 Punkte. Die Zuschauer hingegen feierten das Trio und vergaben 291 Punkte über das Televoting. Damit bedeutet das Platz 5 für Norwegen. Besonders in Deutschland konnten die drei überzeugen. Die deutschen Zuschauer vergaben hier 12 Punkte.


Leonora – Love is forever (Dänemark)

Leonora ist Eiskunstläuferin und sang über die Liebe während sie auf einem XXL-Stuhl sitzt und schunkelt. Der Song erinnert ein wenig an Emilia (Big Big Girl) und “Lemon Tree” von Fool’s Garden. Doch das ist gar nicht abwertend gemeint. Der Song vermittelt ein gutes Gefühl in vier Sprachen. Die Mischung aus englisch, dänisch, französisch und deutsch soll die Universalität der Botschaft verdeutlichen.

Der Song ist einfach nett. Im positiven Sinne! Damit reichte es für Platz 12.


Luca Hänni – She got me (Schweiz)

Die Schweiz war schon länger nicht mehr im Finale. Mit Superstar Luca Hänni hat es die Alpenregion nach Jahren mal wieder geschafft. Luca gewann 2012 die Castingshow Deutschland sucht den Superstar. Damals war er 17 Jahre alt. Inzwischen ist er in der Schweiz eine Showgröße.

Der Song lädt zum Mitwippen ein, optisch war die Darbietung aber durchaus schwierig. Starke Rot- und Weiß-Beleuchtung wechselten sich in schnellen Schnitten ab. Für Epileptiker absolut nicht geeignet. Aber immerhin Platz 4.


Interval Act: Switch and Mix

Nach der Performance ist vor der Punktevergabe. Doch während die Zuschauer fleißig für ihren Favoriten anrufen oder simsen, will der geneigte Zuschauer weiterhin unterhalten werden. Mein Highlight war hier aber nicht die schief singende und grausam gekleidete Madonna, sondern der Auftritt von Conchita Wurst, Måns Zelmerlöw, Dana International, Verka Serduchka und Gali Atari. Sie sangen berühmte ESC-Songs im Wechsel um am Ende gemeinsam zu singen. Eine schöne Reise durch vergangene ESC-Momente.

Nun ist wieder fast ein Jahr zeit, ehe wir uns wieder vor ganz Europa blamieren. Lieber NDR, ich zahle meinen Rundfunkbeitrag. Also habe ich auch das Recht, euch mal zu sagen, dass Ihr euch mal etwas Mühe geben solltet. Bitte! Ehrlich!