Erst schwul dann bi: Outing²

Ich musste mich in meinem leben bezüglich meiner Sexualität bereits zweimal outen. Das erste Mal mit etwa 15 oder 16 Jahren, als ich mir eingestand, dass ich auf Jungs stehe. Nachdem ich mich geoutet hatte, war es für mich absolut kein Thema mehr, schwul zu sein. Ich lebte damit und bekam zu meinem Glück nur wenig Gegenwind.

Meine Freunde und Familie akzeptierten mich und ich gewann sogar weitere schwule und lesbische Freunde und Bekannte.

Kurios wurde es dann, als ich mich zum zweiten Mal outete. Das Outing ist ein Prozess, der vor Allem mit dem inneren Outing beginnt. Also mit der Selbsterkenntnis und der eigenen Akzeptanz. Erst dann öffnet man sich seinem Umfeld. Bei mir war es so, dass ich mit etwa 29 erkannte, dass ich nicht nur auf Männer, sondern auch auf Frauen stehe.  Eine Erkenntnis, die mich zunächst selbst verwirrt hat. Doch irgendwann ist dieser Prozess durch und die erkannte Sexualität wird für einen selbst ganz normal.

So erkannte ich also für mich, dass ich bisexuell bin und teilte das meinem Umfeld auch mehr oder weniger mit. Mehr oder weniger deshalb, weil es Personen gab, denen ich das direkt gesagt habe und andere, die es eher so am Rande mitbekommen haben.

Die Reaktionen darauf waren – um ehrlich zu sein – gemischter und seltsamer als bei meinem vorherigen Outing als homosexueller Teenager. Besonders seltsam wurde es gerade innerhalb der queeren Community. Also die Personengruppe, von denen ich am Meisten Toleranz und Akzeptanz erwartet hätte.

So wurde ich doch tatsächlich von einem langjährigen Freund gefragt, ob ich eine Scheinbeziehung führe, weil meine Partnerin eine Frau ist oder was mich denn da geritten habe.

Noch seltsamer: Ich wurde sogar gefragt, ob ich eine Therapie gemacht habe um hetero zu werden.

Andere wiederum zogen nur die Augenbrauen hoch und entgegneten “Aha.”

Durch die Blume wurde mir sogar entgegnet, ich würde die Community verraten, wenn ich mit einer Frau zusammen bin.

Dass man uns zeitweise unterstellte, wir würden innerhalb der Community ein falsches Bild vermitteln, weil eine bisexuelle Beziehung ja nicht als solche erkennbar ist, war noch das harmloseste. Diese betreffende Person hat sich hinterher sogar dafür entschuldigt, was ich diesem Menschen sehr hoch anrechne. Er wurde sogar zu einem großen Fan unseres kleinen Sohnes.

Es ist ja schon schlimm genug, dass man sich als nicht-heterosexueller Mensch vor Heteros hin und wieder rechtfertigen muss. Das ist aber absehbar und in gewissem Maße sogar verschmerzbar. Doch als bisexueller Mensch muss man sich offenbar auch gegenüber homosexuellen rechtfertigen. Und nein, bisexuelle Menschen sind nicht bisexuell, weil sie sich nicht entscheiden können.

Der Fairness halber darf ich aber auch erwähnen, dass ich durchaus auch positive Reaktionen erhalten habe. Diese zwar mit Erstaunen, aber positiv. Daher darf ich Michael an dieser Stelle zitieren:

Ich hab für mich entdeckt, dass das Schönste auf der Welt die Vielfalt an Menschen ist und dass jeder eine eigene Geschichte hat, die berechtigt ist.

Doch Vorsicht: Es gibt auch hier “false positives”. So erlebte ich im letzten Jahr, dass eine alte Bekannte zu mir kam und mich beglückwünschte. Sie fände das so toll und ich hätte ja nun endlich erkannt, dass es nicht nur Männer für mich gäbe. Ähm … was soll ich denn darauf sagen? Etwa “Danke”?!

Genau das ist auch der Grund, warum ich trotz (und mit) Frau und Kind weiterhin den CSD besuche. Denn der ist nicht nur für die homosexuellen Mitmenschen da draußen, sondern auch für bisexuelle, trans*Personen, asexuelle, intersexuelle, etc. Denn, auch wenn sich bis heute viel getan hat, gibt es noch immer genug Gründe für die queere Akzeptanz auf die Straße zu gehen.

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