Bahn: Digitalisierung gone wrong

Verspätungen bei der Deutschen Bahn kennt jeder. Die sind nicht schön. Laut aktueller Statistik sind aber 74,9% aller Züge im letzten Jahr pünktlich gewesen.

Und wenn man mal so drüber nachdenkt, sind ein paar Minuten Verspätung eigentlich auch nicht so schlimm. Manchmal freue ich mich sogar über eine Verspätung. Besonders dann, wenn ich selbst etwas spät dran bin.

Besonders für Pendler, die täglich mit der Bahn fahren, hat die Deutsche Bahn eine tolle App entwickelt. Der Streckenagent informiert in Echtzeit über Verspätungen der zuvor eingestellten Bahnverbindungen und wirbt in den Zügen sogar mit dem Slogan “Lieber nochmal kuscheln, als am Bahnsteig warten.”

DB Streckenagent
DB Streckenagent
Entwickler: Deutsche Bahn
Preis: Kostenlos

Es könnte so schön sein … KÖNNTE! Ist es aber leider nicht.

Im November/Dezember 2018 gab es auf meiner üblichen Bahnstrecke Zugausfälle wegen einer defekten Weiche. Das wusste ich nur deshalb, weil ich plötzlich feststellen musste, dass mein Zug eben nicht fährt.

Der Streckenagent schwieg dazu. Als das auch am nächsten Tag noch so war, öffnete ich den Streckenagent und stellte fest, dass alle meine hinterlegten Zugverbindungen gelöscht waren. Einfach weg. Nach Recherche stellte sich heraus, dass es zum Dezember 2018 einen neuen Fahrplan gab und deshalb die Verbindungen gelöscht wurden. Und das, obwohl sich an den Zeiten meiner Verbindungen nichts geändert hatte.

Dennoch: Dass man das so macht, ist für ich durchaus nachvollziehbar. Aber wäre es nicht kundenfreundlich gewesen, an alle Nutzer eine Mitteilung zu senden, dass sich der Fahrplan ändert und es nun notwendig wäre, die Zugverbindungen neu einzugeben?

Ja, das wäre es und das hätte ich auch mindestens erwartet. Aber das scheint wohl zu viel zu sein.

Doch es kommt noch schlimmer: Mehrfach kam es nun schon vor, dass der Streckenagent eine Verspätung angekündigt hatte, die dann gar nicht statt fand. Soll heißen, der Zug fuhr pünktlich ab, trotz angekündigter Verspätung von 5 Minuten. Wer sich da gemäß des Slogans auf die Meldung verlässt, verpasst unweigerlich seinen Zug. Und das ist ja genau das, was man nicht will. Denn ich komme lieber 5-10 Minuten zu spät, als eine komplette Stunde. Auch heute gab es wieder so einen Fall.

Mein Zug sollte um 07:04 Uhr in Schnaittach Markt abfahren. Der Zug rollte gegen 07:08 Uhr an den Bahnsteig, als in diesem Moment eine Verspätungsmeldung des Streckenagenten eintraf:

Streckenagent Push-Nachricht

Ganze 10 Minuten sollte sich die Bahn also verspäten. Das erschien mir an dieser Stelle schon unglaubwürdig. Ich betrat den Zug, machte meinen Screenshot und blickte auf die Uhr. Der Zug fuhr um 07:10 Uhr los und war somit gerade mal 6 Minuten zu spät. Nicht nur, dass die Verspätungsmeldung in diesem Fall viel zu spät eintraf, die angegebenen Zeiten stimmten keineswegs. Ich meldete den Vorfall bei der Bahn und sendete meinen Screenshot mit. Als Antwort erhielt ich folgendes:

Die Regionalbahn 58576 hatte bei der Abfahrt in Simmelsdorf-Hüttenbach wegen einer Türsteuerung 10 Minuten Verspätung. Das Zuglaufprotokoll sende ich als Anhang.

ZuglaufprotokollDas Zuglaufprotokoll (klick zum Vergrößern) zeigt die geplanten und tatsächlichen Ankunfts- und Abfahrtszeiten an. Allerdings stimmen auch die hinten und vorne nicht. Demnach soll der Zug um 07:06 Uhr in Simmelsdorf-Hüttenbach losgefahren sein. Da dieser aber schon um 07:08 Uhr in Schnaittach einfuhr, kann diese Zeit unmöglich stimmen. Selbst wenn man den Zwischenhalt in Hedersdorf und die Ein- und Aussteigezeit nicht mit einrechnet, schafft es der Zug unmöglich innerhalb von 2 Minuten von Simmelsdorf nach Schnaittach.

Grundsätzlich ist die Idee des Streckenagenten ja ganz gut. Aber in der Ausführung leider schlampig, denn auf diese Weise sorgt das nur zur noch mehr Frust bei den Bahnkunden, wobei diese App doch genau das Gegenteil bewirken sollte.


Update 13.02.2019

Steckenagent 13.02.2019Auch heute wieder so ein Fall. Bereits 40 Minuten vor Abfahrt trudelte die Meldung des Streckenagenten ein, dass mein Zug 10 Minuten Verspätung haben wird. Wäre nicht schlimm, käme mir sogar entgegen, dann könnte ich noch gemütlich einen Kaffee trinken, bevor ich los muss.

Doch leider traue dich der Bahn nicht mehr über den Weg und beschloss, doch lieber pünktlich am Gleis zu sein. Mein Glück, denn der Zug fuhr um 8:16 Uhr los und hatte demnach nur knapp 3 Minuten Verspätung. Wer sich an die angekündigten 10 Minuten gehalten hätte, hätte den Zug verpasst.

Eine Stellungnahme der DB Regio hierzu steht noch aus. Ich werde diese Vorfälle jedoch künftig Protokollieren und werde Oliver Luksic im Bundestag dazu kontaktieren. Jeder, der ähnliche Probleme hat, sollte das ebenfalls tun. Oliver Luksic ist verkehrspolitischer Sprecher im Bundestag und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Digitalisierung der Verkehrspolitik voran zu treiben.

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